Reisebericht: Sardinien - Gesichter einer Insel

Sardinien - Gesichter einer Insel

Eindringlinge kamen und gingen: Phönizier, Römer und Byzantiner, Pisaner und Genueser !
Und alle kamen sie über’s Meer. Auch die Eroberer von heute kommen mit Schiffen. Aber sie kommen in friedlicher Absicht. - Und wir sind unter ihnen !

Sardinien – die zweitgrößte Insel im Mittelmeer ist eine Welt für sich. Sie ist geprägt von endlosen Küsten mit bizarren Felsformationen, von schroffen Bergen und grünem Weideland im Inneren, aber auch von steinernen Zeugnissen längst vergangener Kulturen.

Wir machen uns auf, die Insel zu erkunden. Unsere Reise beginnt in der nördlichsten Stadt Sardiniens, in Santa Teresa di Gallura.
König Vittorio Emanuele I., der auch Herrscher von Sardinien war, benannte diese Stadt nach seiner Gattin Maria Teresa. Der einstige kleine Fischerort hat sich heute zu einem beliebten Ferienzentrum entwickelt. Ein Genueserturm bewachte den Ort auf der Meeresseite.

Auf einer wenige Kilometer entfernten Halbinsel überrascht uns eine fantastische Felslandschaft: das Capo Testa. Aus Granitblöcken, die wie von Riesenhand verstreut sind, haben sich hier bizarre Gesteinsformationen gebildet. Besonders spektakulär ist das zerklüftete 'Valle della Luna', das sich bis zum Meer erstreckt und in den frühen 70iger Jahren eine Hochburg der Hippie-Bewegung war. Über die Meerenge von Bonifacio reicht der Blick auf die nur 12km entfernte Südspitze Korsikas.

Bizarre Granitgebilde finden wir auch an der Costa Smeralda, der Smaragdküste, im Nordosten Sardiniens. Das bekannteste unter ihnen ist der 'Bär' am Capo d’Orso bei Palau. Wind und Wetter haben über Jahrmillionen diese Felsen geformt.

Von dem kleinen Fischerort Palau aus herrscht ein reger Fährverkehr auf die vorgelagerten Inseln, vor allem nach La Maddalena.
Ein Glanzpunkt an der Costa Smeralda ist das von dem religiösen Führer der Ismailiten, Prinz Karim Aga Khan, in den 60iger Jahren errichtete Nobelparadies Porto Cervo. Der Normalbürger darf kommen – und staunen.

Wir fahren nun in Richtung Süden und erreichen den kleinen Ort Ulassai im Gennargentu-Massiv, dem höchsten Gebirge Sardiniens. Am Ende einer schmalen Serpentinenstraße schmiegt sich das Bergdorf an einen steilen Felshang. Es liegt zu Füßen des Bruncu Matzeu, eines 956m hohen Kalksteinmassivs. Diese 'Tacchi' genannten faszinierenden Tafelberge bestimmen hier das Gesicht der Landschaft.

Wir machen uns zu Fuß auf den Weg, um den Hausberg von Ulassai zu ersteigen. Dabei können wir nicht nur eine grandiose Aussicht auf den Ort und die umliegenden Berge genießen, sondern auch eine einzigartige Pflanzenwelt bestaunen. Ein wenig erinnert diese Landschaft sogar an die berühmten Tafelberge im Westen Amerikas.

Und noch eine Überraschung halten die Kalksteinfelsen in ihrem Inneren bereit: Die zauberhafte Tropfsteinhöhle 'Grotta su Marmuri'. Sie gehört wegen ihrer Farben- und Formenkombination und ihrer Größe zu den beeindruckendsten Höhlen Europas und noch ist ihre Tropfsteinbildung nicht abgeschlossen.

Die rauhe Gebirgswelt Sardiniens bietet nicht nur verwilderten Haustieren Schutz, sie war in der Vergangenheit auch ein Zentrum des Banditentums. Besonders das Bergdorf Orgosolo hat den Ruf eines Banditennestes behalten. Banditen gibt es heute hier nicht mehr, aber vermarkten läßt sich diese zweifelhafte Reputation immer noch. Vor allem aber die zahlreichen Wandmalereien, die 'Murales', mit ihren sozialkritischen Themen, haben den Ort bekannt gemacht.

Sardinien verfügt über mehr als 1.800 Kilometer Küstenlinie, die zum großen Teil touristisch genutzt wird. Endlose Sandstrände und ausgeprägte Steilklippen wechseln einander ab.

Besonders markant sind die 'Rocce Rosse', die roten Porphyrklippen von Arbatax - und rot leuchten sie vor allem im späten Abendlicht !

Wir fahren weiter in den Süden – nach Cagliari, der Hauptstadt der autonomen Region Sardinien. Sie ist mit mehr als 160.000 Einwohnern die größte Metropole der Insel und wichtiger Wirtschaftsstandort. Einst von den Phöniziern gegründet, hat die Stadt bis heute ihre Bedeutung nicht verloren. Durch ihren Fährhafen bildet sie eine wichtige Schnittstelle zum Festland.

Im Inselinneren folgen wir nun den Spuren der Vergangenheit. Zu den Besonderheiten Sardiniens gehört die vor etwa 4.000 Jahren entstandene eigenständige Nuraghenkultur.

Die Nuragher errichteten konische, sich nach oben verjüngende, mehrstöckige Turmbauten als Wehr- und Wohnanlagen. Der Nuraghe Losa bei Abbasanta ist einer der eindrucksvollsten dieser Megalithbauten.
Noch größer ist die Nuraghenfestung Su Nuraxi, die sich aus der Ebene bei Barumini erhebt. Neben dem Rundturm findet man hier noch zahlreiche Überreste von Bastionen, Brunnen, Mauern und Hütten.
Aber auch spätere Kulturen haben ihre Spuren hinterlassen. Phönizier gründeten am Golf von Oristano die Handelsniederlassung Tharros, von der nur noch Ruinen erhalten sind. Punier erbauten den Tempio di Antas, der später von den Römern neu errichtet und dem Urvater der Sarden, Sardus Pater, geweiht wurde. Noch heute gilt er als sardisches Nationalheiligtum.

Am Ufer des Temo, des einzigen schiffbaren Flusses Sardiniens, liegt das Kleinstädtchen Bosa, mit seinen farbenprächtig herausgeputzten Häuserfassaden.

An einem der schönsten Küstenabschnitte entlang führt uns der Weg nun nach Norden. Wir erreichen Alghero, die wohl interessanteste Stadt Sardiniens.

Alghero ist seit der Eroberung durch die Aragonesen katalanisch geprägt. Noch heute sind die Straßenschilder in der Altstadt zweisprachig. Ein Mauerring mit Bastionen und Wehranlagen umgibt den intakten Altstadtkern mit seinen engen Gassen und mittelalterlichen Bauten.

Fischer sind auch in Sardinien rar geworden. Doch im Hafen von Alghero findet man sie noch.

Am Abend treffen sich die Menschen auf der breiten Bastioni Marco Polo, deren massive Mauern die Stadt einst vor Angreifern vom Meer her schützte. Dann versinkt die Sonne am Capo Caccia und in der Stadt gehen die Lichter an.

Am Capo Caccia überrascht uns noch einmal eine Grotte, die 'Grotta di Nettuno' – die Neptunsgrotte. Auf 652 Stufen hinunter geht es zum Eingang der Höhle und das Besondere: sie liegt auf Meereshöhe und ist auch direkt vom Meer aus per Boot zu erreichen. Im Inneren gibt es einen 100m langen Salzwassersee.

Auf der letzten Station unserer Reise erwartet uns nun das bezaubernde Festungsstädtchen Castelsardo. Der Ort schmiegt sich an einen über 100m hohen Felskegel und wird von einem Castell überragt. Castelsardo ist vor allem durch seine Korbflechtarbeiten bekannt. Das historische Zentrum des Städtchens überrascht mit engen Gassen und steilen Treppen.

Nur wenige Kilometer von Castelsardo entfernt treffen wir auf eine weitere von Wind und Wetter geformte bizarre Felsgestalt: die 'Roccia dell’Elefante'. Dieser etwa 5m hohe Felsblock, der an den Anblick eines Elefanten erinnert, wurde einst von den Nuraghern als Kult- und Totenstätte genutzt.


Inzwischen ist es abend geworden... Im Valle della Luna geht die Sonne unter. Wir beenden unsere Reise dort wo sie begonnen hatte: Im Norden Sardiniens.
















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